oder
Zeit im (Alpt)raum
Heute hatte ich einen Arztbesuch bei einer Unternehmensberatung. Dort landet man, wenn man vom Gericht hingeschickt wird, weil man wegen der Anerkennung einer Schwerbehinderung klagt. Ich sollte also unabhängig begutachtet werden. Das versprach heiter zu werden.
Insgesamt wurde „alles“ untersucht, was man so schnell abarbeiten kann: Bewegung, Koordination, Gewicht, Lungenfunktion, Ultraschall der Organe im Bauch.
Dann ging alles ganz schnell. Man wies mich darauf hin, ich solle mehr in meinem Leben machen – Yoga oder Rehasport zum Beispiel.
Ich erklärte, dass ich das eine Zeitlang versucht habe, aber es einfach nicht schaffe. Darauf bekam ich die Antwort: „Ach, immer diese Ausreden.“
Sachlich versuchte ich zu erklären, dass ich mich nicht herausrede, sondern tatsächlich viel zu erschöpft von meinem „normalen“ Alltag bin und die meiste Zeit zum Schlafen brauche. Einmal pro Woche Psychotherapie sei schon genug für mich.
Darauf wurde ich belehrt, dass ich, wenn ich so weitermache, mit 40 noch Hormonprobleme bekommen würde und dann wirklich schlecht dastehe. Ich müsse also mehr machen, sonst würde mein Leben ziemlich mies verlaufen.
Ich wies darauf hin, dass es ja jetzt schon ziemlich mies sei und wenn ich noch mehr Therapien mache, dann würde ich nur noch für diese Krankheit leben.
Dabei habe ich übrigens schon geheult und war nicht bereit, den Versuch zu starten, meine Tränen zu unterdrücken.
Ich erzählte, dass ich auch eine Weile regelmäßig Physiotherapie gemacht habe. Sofort unterbrach er mich und meinte, Physiotherapie sei Quatsch.
Ich redete weiter, erzählte, dass die Therapie wirklich gut war, und ich nur aufgehört habe, weil der Therapeut ständig von anderen Therapien und dem, was ich im Alltag alles noch berücksichtigen MUSS (!!!), gesprochen hat. Das fand ich sehr erdrückend.
Während ich so heulend da saß – halb nackt, wohlgemerkt, wegen der Untersuchung, was die Situation nicht angenehmer machte – setzte er sich an den Schreibtisch, diktierte in sein Gerät, stoppte dann, sah mich an und fragte: „Fühlen Sie sich jetzt eher glücklich oder depressiv?“
Ich dachte echt, das sei ein Scherz. Ich zeigte mit beiden Fingern auf mein tränengeflutetes Gesicht und sagte nur: „Depressiv.“
Dann folgte eine Erläuterung bezüglich meiner Erkrankungen.
An dieser Stelle kommt nun zum ersten Mal bewusst der Plural „Erkrankungen“ zum Tragen, da sich eine zweite Erkrankung zum Behcet gesellt hat. Davon erzähle ich euch an anderer Stelle genauer.
Er meinte, es sei schon blöd, wenn man so exotische Krankheiten habe. Da könne ja keiner etwas mit anfangen – weder Juristen noch andere. Früher sei das mit der Schwerbehinderung einfacher gewesen. Da hätte nur „Bein ab“ oder „Arm ab“ gezählt. Aber das jetzt sei schwer einzuordnen.
Am Schluss suchte er nach entschuldigenden Worten, er sei ja nur besorgt. Ich sagte nur, dass ich es hasse, zu Ärzten zu gehen, die mich und meinen Krankheitsverlauf nicht kennen, denn da müsse ich mir immer so einen großen Mist anhören.
Das war’s.
Also: Das war echt eine Scheißzeit in deinem Raum, du Arsch!
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