Determinismus – oder das Leben in der Einbahnstraße ?!

Ich habe die Woche geschafft, aber schon ab Mittwoch war es ein schwerer Kampf für mich. Heute war alles mehr als grenzwertig, und ich musste sogar eine Pause einlegen und mich 10 Minuten hinlegen. Schon nach zwei Stunden Arbeit hatte ich das Gefühl, gleich einfach umzufallen. Das war echt schrecklich. Nach Hause habe ich mich fahren lassen und dann weinend aufs Sofa gelegt – zum ersten Mal mit den Worten: „So, ich will nicht mehr. Ich will das nicht mehr. Ich kann nicht mehr.“

Und ich frage mich:
Sind die zukünftigen Ereignisse meines Lebens festgelegt? Habe ich überhaupt die Chance, etwas zu beeinflussen? Kann ich meinen Willen einsetzen, um etwas zu verändern? Oder ist mein Wille einem Determinismus unterworfen und somit kein freier Wille?

Mit diesen Fragen beschäftigen sich Philosophen; es gibt verschiedene Ideen und Interpretationsansätze. Ich werde wohl keine Antwort erhalten. Vielleicht ist das auch gut so.

Also versuche ich lieber, meinen physischen Zuständen etwas näher zu kommen. Dabei stellt sich heraus, dass das auch sehr schwierig ist. Mein Körpergefühl ist von außen nicht messbar. Für diese Erschöpfungszustände gibt es keine messbaren Werte, äußerlich ist nichts zu sehen, nichts festzustellen. Das macht es sogar für mich schwer, die Zustände anzunehmen. Ich fange an zu denken, dass ich mir das vielleicht nur einbilde, dass ich mich zu sehr gehen lasse, dass ich mich zusammenreißen muss usw. Aber egal, was ich mache – es hilft nichts.

Ich ruhe mich aus. Ich bin trotzdem erschöpft.
Ich schlafe. Ich bin trotzdem müde.
Ich lache. Ich bin trotzdem traurig.
Ich weine. Ich bin nicht erleichtert.
Ich gehe voran. Ich drehe mich im Kreis.

Am 12.04.2014 war ich total motiviert und versuchte, meinen Körper wieder zu trainieren. Das hat auch echt ganz gut geklappt. Ich war damals gewillt, wieder gesund zu werden, war hoch motiviert. An diesem Tag habe ich diesen Schnappschuss mit dem Handy gemacht.

Jetzt begreife ich erst, dass ich nicht gesund werde, dass mein Wille zwar wichtig ist, aber auch keine Wunder bewirken kann.




Gegen alles

Gegen alles gibt es eine Tablette.
Gegen Schmerzen.
Gegen Thrombosen.
Gegen fehlgeleitete Immunaktivität.
Gegen Entzündungen.
Gegen Traurigkeit.
Gegen Mangelerscheinungen.

Doch wirklich DAGEGEN ist kein Kraut gewachsen. Alles wird nur gedeckelt, versteckt, unterdrückt. Es wird ein Zustand angestrebt, der mir das Gefühl vermitteln soll, ich sei nicht krank – damit ich mich nicht mehr krank fühle. Manchmal klappt das. In den letzten 41 Tagen hatte ich genau 2 Tage, die mich vergessen ließen, was eigentlich mit mir los ist.

Und da frage ich mich: Ist es wert, ständig zu hoffen, dass morgen wieder einer dieser Tage sein könnte? Oder dauert es noch 30 Tage? Ist das das Ziel? Oder soll es das sein? Ich finde es nicht mehr erstrebenswert, diesen Täuschungszustand des „Nicht-krank-seins“ erreichen zu wollen. Die Realität lehrt mich Gegenteiliges.

Jetzt, nachdem ich 9 Tage mit Behcet-Aktivität hinter mich gebracht habe, bin ich sehr niedergeschlagen.
Jeden dieser neun Tage sitze ich hier und habe Schmerzen.
Jeden Tag sitze ich hier, bin traurig und niedergeschlagen.
Jeden Tag sitze ich hier und versuche, mich mit Star Trek abzulenken.
Jeden Tag hoffe ich, dass der nächste besser wird.
Jeden Tag hoffe ich, nicht allein zu sein.
Jeden Tag frage ich mich, wie lange das noch anhalten soll.
Jeden Tag überlege ich, wie ich diesen Tag überstehen kann.
Jeden Tag denke ich daran, wie schön mein Leben ohne Behcet war.
Jeden Tag denke ich darüber nach, was ich sonst noch denken könnte.

Und was macht ihr eigentlich an diesen Tagen? Ich bekomme davon nichts mit. An was denkt ihr so? Was treibt ihr so?

Ich denke, es ist nicht leicht, in diesen Tagen mit mir zu sprechen. Was sollt ihr mir sagen? Was sollt ihr mir raten? Was nervt mich? Was kann ich gebrauchen?
Ja, ich weiß, ich kann mich immer melden.
Ja, ich weiß, ihr seid alle da.
Ja, ich weiß, meine Stimmungen sind schwer zu fassen.

Mir wurde vorsichtig mitgeteilt, dass keiner weiß, wie oder ob er auf mich zugehen soll. Vielleicht, weil ich mich in meiner Traurigkeit eher im Kreis drehe, als sichtbar voranzukommen.

Es scheint schwer zu sein,
· zu erahnen, was ich brauchen könnte,
· zu überlegen, was mir gut täte,
· zu wissen, was ich hören will,
· zu wissen, was mich nerven würde,
· meine Traurigkeit zu ertragen,
· meine Launen auszuhalten,
· meine Gedanken zu verstehen.

Ja, das ist alles ganz schön schwer für mein Umfeld. Nie weiß man, was das Richtige ist. Ich weiß, dass ich kaum Anknüpfungspunkte biete. Ich weiß, dass ich nicht signalisieren kann, was gut für mich wäre oder auch nicht. ICH WEISS ES NÄMLICH NICHT, denn ich wette mit euch:

Es ist noch viel schwerer, Behcet zu haben.
Es ist noch viel schwerer, mein Leid zu ertragen.
Es ist noch viel schwerer, mich selbst auszuhalten.
Es ist noch viel schwerer, die Ungewissheit auszuhalten.
Es ist noch viel schwerer, auszuhalten, dass ich scheinbar für andere zu schwer bin.
Es ist echt schwer auszuhalten, in Ruhe gelassen zu werden.

Also, wenn ihr demnächst denkt, es wäre besser, mich in Ruhe zu lassen, weil ich mich ja bei Bedarf melden würde:
Überlegt euch doch einmal, ob es nicht für euch einfacher wäre, mich einfach mal anzurufen und zu fragen, wie es mir geht.

I imagine what my body would sound like




.... 
slamming against those rocks

Dies sind zwei Textzeilen aus einem meiner Lieblingslieder von Björk.
Wie sich mein Körper anhört? Das weiß ich nicht.
Wie es sich anfühlt? Da habe ich schon eine konkretere Idee. Zumindest fühlt es sich derzeit so an, als wäre das Schlagen gegen Felsen die einzige Medizin.

Seit Anfang August läuft alles eher mäßig. Gerade so, dass ich meinen Alltag meistern kann, aber definitiv zu wenig für mein Leben. Arbeit klappt, aber sonst auch nicht viel. Ich habe das Gefühl, für jede Sonderaktivität den doppelten Preis zurückzuzahlen. Meine Tage sind so anstrengend, dass eine Woche sich wie ein Monat anfühlt. Und wenn ich den Mittwoch geschafft habe, wünsche ich mir das Wochenende herbei. Prima wäre es, wenn die Arbeitswoche schon am Dienstag vorbei wäre. Also eine Zwei-Tage-Woche wäre wirklich perfekt.

Am Montag vor einer Woche war der erste wirklich gute Tag. Nach der Arbeit hatte ich noch Energie für Freizeit. Das war echt toll. Allerdings weiß ich nicht mehr, was ich mit meiner Zeit angefangen habe. Wirklich blöd.

Seit letztem Mittwoch geht es mir schlecht. Den Arbeitstag habe ich nur mit sehr viel Körperbeherrschung und einigen Qualen geschafft. Auch die Schmerztabletten helfen da nur wenig. Seitdem liege ich wieder auf meinem Sofa. Die eine oder andere Träne habe ich verdrückt. Es macht mich immer wieder traurig, mich so zu fühlen. Es ist echt ein ätzendes Gefühl, so gar keinen Einfluss auf diese körperlichen Ereignisse nehmen zu können. Man erliegt sich selbst.

Heute kann ich vom Sofa aus meinen Blog etwas pflegen, und das macht mich etwas zufrieden.

Aber jeder Schmerz erzeugt immer wieder ein Gefühl von Angst. Wie lange wird es dauern? Wie schlimm wird es werden? Muss ich ins Krankenhaus? Sofort dreht sich dieses Gedankenkarussell. Aber ich kann euch beruhigen: Es wird nicht ewig dauern. Es wird gerade nicht schlimmer. Ich muss nicht ins Krankenhaus.

Aber ich werde mich auch nicht gegen die Felsen werfen!!! Es gibt andere Dinge, die ich werfen kann:

  • meine Decke auf mich drauf

  • eine DVD in das Abspielgerät

  • einen Blick in ein Buch

  • und mich ins Bett!

Gute Nacht da draußen!