--- KEIN TITEL ---

Ich laufe durch den Wald. Eine Kreuzung naht. Ich sehe ein Rad, eine Frau, einen Hund. Mein Hund steht an der Kreuzung. Der andere Hund sprintet los. Die Radfahrerin ruft ihrem Hund hinterher. Mein Hund rennt schnell zu mir, der andere Hund hinterher – so etwa 20 Meter bis zu mir.

Ich hebe die Arme und mache einen leisen Zischlaut, um den anderen Hund etwas zu bremsen, zu irritieren. Die Frau schreit ihrem Hund immer noch hinterher. Nun gut, sehr konsequent von ihr.

Dann helfe ich mal: Ich laufe zwischen die Hunde, sodass kein wildes Spiel entstehen kann. Der andere Hund läuft zurück zur Radfahrerin. Sie schreit weiterhin, ist vom Rad abgestiegen.

Der Hund flüchtet deshalb ein Stückchen in den Wald. Na ja, so wird er nicht zu ihr zurückkommen. Die Frau schreit, läuft, rennt an ihrem Hund vorbei. Warum das? Sie schreit.

Plötzlich brennt es in meinem Gesicht, in der Lunge. Ich gehe zu Boden, japse, bekomme keine Luft. Ich kann nichts sehen, weiß nicht mehr, wo ich bin, weiß nicht mehr, wer ich bin.

„Lass meinen Hund in Ruhe, du Fotze!“ schallt es über mir. Ich wimmere, flehe darum, dass sie mich in Ruhe lassen soll. Sie beschimpft mich, schreit weiter.

Ich rufe um Hilfe. Niemand kommt.

Ich habe es nicht kommen sehen. Ich habe nicht geahnt, dass ich so bestraft werde, weil ein fremder Hund meinem hinterherläuft. Ich habe den Hund nicht berührt. Ich habe keine Gefahr wahrgenommen. Ich war wehrlos, ausgeliefert. Diese Momente fühlten sich wie Stunden an – verwirrt auf dem Waldboden liegend.

Ich wusste nicht, dass das Pfefferspray den Kopf lahmlegt. Ich wusste nicht, wie weh das tut. Die Lunge brennt. Ich wusste das alles nicht.

Man kann sich nur wehren oder flüchten, wenn man die Gefahr kommen sieht. Ich hatte keine Chance.

Pfefferspray ist furchtbar. Es ist eine Waffe.

Dieser Schock: Du kannst nicht mehr essen, du kannst nicht mehr schlafen. Jedes Nachfragen tut weh, jede Frage fühlt sich an wie ein Infragestellen. Nachfragen tut weh, Erinnern tut weh, darüber sprechen tut weh.

Mein Alltag – weg. Routinen – weg. Mein Resilienzfaktor „draußen mit Hund“ – weg. Meine Leichtigkeit – weg. Mein Spaß – weg. Mein Hobby – weg. Vier Kilo Gewicht – weg.

Es liegt jetzt fast fünf Wochen zurück. Es wird besser. Ich arbeite daran. Nicht allein. Dafür brauche ich Hilfe.

Verdammt, was das Leben so mit sich bringt. Ich weiß, ich habe immer Glück gehabt. Es hätte schlimmer kommen können. Ein schlimmes halbes Behcet-Jahr liegt hinter mir. Ich war gerade dabei, wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen.

So war es – und so ist es jetzt.

Und Behcet, halt du jetzt bitte einfach mal die Klappe.