Psyche in Splittern

Nachdem schon die ersten Corona-Wochen hinter mir liegen und jede Thematik drum herum schon abgegriffen wirkt, schreibe ich doch.
Meine Angst ist so groß.

Ich habe schon vor Monaten, als diese Krise für mich nicht im Entferntesten abzusehen war, darüber gesprochen. Mich darüber unterhalten, welche Ängste, welche Panik ich entwickle. Ich habe Angst vor Hospitalisierung. Meine Erfahrungen dieser Monate, auch wenn sie schon lange zurückliegen, sind allgegenwärtig. Ich erinnere mich an Momente, an meine Hilflosigkeit, mein Ausgeliefertsein.

Das Gespräch über meinen zukünftigen Pflegebedarf und wer diesen dann wie auch immer vielleicht abdecken wird.
Die Momente im Krankenzimmer mit den Zimmernachbarinnen.
Die Nächte auf dem Flur, wenn junge Männer da weinend sitzen, weil sie vor Schmerzen und Sorgen nicht mehr ein- und auswissen.

Vieles habe ich nie nach außen getragen, in mir gelassen, weil ich das selbst kaum mehr aushalten konnte.

Schon vor Beginn dieser Krise, ach, bestimmt schon Mitte 2019, war mir klar, dass ich ein Problem entwickle. Ich hatte Phasen, da rückte das Krankenhaus gedanklich so nahe, so greifbar. Ich bin manchmal erstarrt, hilflos und auch panisch. Der Puls rast, die Atemfrequenz steigt. Plötzlich. Manchmal sogar, wenn ich arbeite. Plötzlich schießt ein Gedanke in den Kopf.

Klar war mir, dass meine Angst unbegründet war. Denn ich bin nun gut eingestellt, die Sache läuft rund mit mir und dem Behcet – im Rahmen dessen, wie es rund laufen kann. Von September 2019 bis Mai 2020 – so wenige Krankheitstage wie noch nie! Also alles tutti!

Vielleicht werden jetzt deshalb Fenster geöffnet und Splitter sichtbar. Splitter, die ich so sehr vergraben habe. Denn eigentlich hätte ich Kapazitäten für diese Splitter. Sie festzukleben, abzuschmirgeln und sonst was.

Und jetzt: Corona!

Ich werde euch jetzt nicht mit meinen Spekulationen langweilen. Meine Angst ist nicht, dass ich mich infiziere und sterbe.
Meine Angst ist das Krankenhaus, die Quarantäne dort. Ich war einmal für 12 Stunden in Quarantäne im Krankenhaus vor einigen Jahren. Nur zur Sicherheit wegen möglicher Keime. Nur 12 Stunden! Wisst ihr, wie gruselig das ist, wenn alle komplett verpackt dein Zimmer betreten? Du kannst nur an den Augen erahnen, wer das ist? Das ist so gruselig. Und damals ging es um nichts.

Wenn ich jetzt wegen Corona ins Krankenhaus muss, dann erlebe ich das für ca. 14 Tage oder länger. Und dann geht es auch um etwas. Keiner kann dann kommen, keiner mir helfen. Muss ich eigentlich für 14 Tage Unterwäsche in der Tasche haben? Oder darf mir jemand Wäsche bringen?

Corona… körperlich überlebe ich das vermutlich, aber ich werde daran zerbrechen. Mein Körper bleibt, meine Psyche zersplittert.

Und was machen die Menschen da draußen? Halten sich an keine Regeln. Abstand? Nö.
Wir leben in einer Gesellschaft mit den Gesunden da draußen: Shoppen, Joggen, ein Eis auf die Hand. Toll. (Im Radio sagte eine Frau, es sei Balsam für die Seele.)

Wir leben in einer Gesellschaft mit den Alten und Kranken hier drinnen: In den Wohnungen und Häusern. Freiwillig eingesperrt aus Angst vor dem Sterben oder aus Angst vor dem Krankenhaus. Aus Angst vor der Masse an dummen Menschen, die mein Leben und meine Gesundheit aufs Spiel setzen und mit ihrem Verhalten mich immer näher an mein Zerbrechen bringen, mich zersplittern.




Pause


Ich mache Pause

Täglich, im Rahmen meiner geliebten professionellen Tätigkeit, beantworte ich Fragen, stelle Fragen, rede mit Menschen, helfe, berate und bin in einem bunten Tätigkeitsfeld unterwegs.
Allerdings bin ich ständig am Rande meiner körperlichen Möglichkeiten. Mein Körper macht das gerade so mit – manchmal besser, manchmal schlechter.

Ich merke, dass ich im Rahmen meiner Profession problemlos mit mir und meinen Problemen umgehen kann. Ich habe die Ruhe, ich habe die Kraft, ich habe die Ausdauer. Oft bemerke ich erst am Ende eines Tages, wie stark meine Schmerzen sind, wenn ich das Gebäude verlasse. Aber das ist auch alles gut so. Es macht mir Spaß und auch wenn es fordert, birgt es sehr viele resiliente Faktoren in sich.

Mich belastet zusätzlich anderes. Es bringt mich an meine Grenzen.
Ich kann den Austausch mit anderen Erkrankten kaum mehr aushalten. Es verletzt mich, es raubt mir Energie.

Zu Beginn meiner Erkrankung war es der Austausch, der mir half, der mir auch fehlte. Eine taffe Frau aus dieser Mitte hat eine Gruppe auf die Beine gestellt, wir haben uns selbst geholfen und unterstützt. Aus der kleinen Runde ist eine riesige Gruppe geworden. Die Themen sind immer die gleichen, und ich kann nicht mehr. Die Fragen wiederholen sich, denn immer neue Menschen finden – zum Glück – diese Gruppe, und ich beantworte immer wieder dieselben Fragen.

Das ist gar nicht böse gemeint, denn all diese Fragen hatte ich einst auch. Dafür ist die Gruppe da, wir helfen uns.
Aber ich kann nicht mehr.

Ich bemerke an mir, wie mich Fragen hier aggressiv machen. Das Beantworten macht mich übel gelaunt. Ich drehe mich im Kreis.
Vielleicht ist es auch nur ein Symptom meiner Abgeschlagenheit, meines täglichen „Am-Limit-Seins“.

Fragen wiederholen sich, alte Fragen gehen verloren, werden wieder gestellt. Alle paar Monate beginnt man wieder bei Null. Sachlich gesehen ist das total okay, neue Leute haben halt noch keine Antworten auf die Fragen.

Ich glaube, ich habe schon sehr oft geschrieben, dass der GdB aus dem Schwerbehindertenausweis nicht in Prozent angegeben wird. Warum mich das stört? Ich weiß es nicht. Es ist halt nicht korrekt zu schreiben, dass ich zu 50 % behindert wäre. Das stört mich. Und es stört mich, immer wieder und wieder dazu etwas schreiben zu müssen.

Ich kann auch das Schimpfen auf die Ärzte nicht mehr aushalten. Bei mir lief es auch mal nicht gut, ich habe allerdings großes Glück, dass ich sehr, sehr gut ärztlich versorgt und betreut werde. Irgendwie gehört das Schimpfen schon fast zum guten Ton. Aber ich habe nichts zu schimpfen. Meine Ärzte sind toll, mir geht es sehr viel besser als den meisten, und wenn ich mal erzähle, dass es mir nicht gut geht, dann liegt es nicht an den Ärzten, die so oft beschimpft werden. Es liegt am Behcet.

Aber wohin sollen all die schlecht behandelten, missverstandenen Patienten mit ihren Nöten? Ja, in die Gruppe. Da seid ihr richtig, und da sind viele, die helfen. Ja, es gibt bestimmt sehr viele, die nicht gut oder ausreichend behandelt werden. Ich sage ja nicht, dass das nicht stimmt. Aber ich kann das nicht mehr sein.

Ich mochte „früher“ auch mal die vielen Witze, das Schimpfen, das „Bullshit-Bingo“ usw. Ihr wisst, was ich meine. Mir hat es geholfen, euch hilft es auch. Bitte tauscht euch weiterhin in der Gruppe aus. Dafür ist sie da.
Ich kann aber nicht mehr.

Ich bin angespannt, und es treibt mir Tränen in die Augen, wenn ich zum hundertsten Mal von Diagnosekriterien lese. Es macht mich wütend, wenn ich das Gefühl habe, noch einmal dazu schreiben zu müssen und alte Informationen einfach verschwinden, als seien sie nie da gewesen.

Ich kann es nicht mehr aushalten, wenn Grundsätze des wissenschaftlichen Arbeitens so unklar sind, dass ich eine Frage nicht mehr beantworten will oder kann.

Und obendrauf ist der Mensch, wie er ist: Innerhalb der Gruppe werden Menschen angemeckert, beschimpft. Ich kann und will nichts schlichten. Es sind erwachsene Menschen. Ich bin hier nicht mehr der Diplomat, der helfen kann. Ich will diese unfreundlichen, respektlosen Menschen einfach rauswerfen. Ja, das ist meine Haltung: Mir ist es scheißegal, ob ihr auch krank seid. Wer unfreundlich ist und unter die Gürtellinie geht, der fliegt. Ohne Kommentar! Das ist nicht die beste Lösung, ich weiß das. Es ist aber ein Symptom für mein „Ich-kann-das-nicht-mehr“-Gefühl.

Und wer jetzt genau gelesen hat, erkennt, dass ich niemandem Vorwürfe mache. Ich versuche nur zu erläutern, wie es mir geht, wie es mich frisst. Es macht mich fertig. Es raubt mir die Energie, die ich gar nicht mehr habe.

Mir hatte die Gruppe viel geholfen, und ich wünsche jedem, diese Erfahrungen auch zu machen. Ich wünsche einen regen Austausch und dass jedem die Hilfe zukommt, die er braucht.

Ich passe da nicht rein. Ich kann meine Sorgen nicht 200 Fremden schildern, ich kann mir diese Sorgen nicht mehr im Detail durchlesen, sie mit mir herumtragen, überlegen, was ich wie antworte.

Ich habe hier meine Leute gefunden, mit denen ich privat in Kontakt stehe. Kontakte, die mir helfen, die mich bereichern. Noch will ich nicht ganz diese Gruppe verlassen, zumal sie mal ein Anker für mich war. Aber bitte seid nicht böse, wenn ich keine Kapazitäten habe zu helfen.

Ich mache „Gruppenpause“.

Eure
Je Nifer