Menschliches Dasein im Wandel meiner Interpretation: oder die Suche nach meine Fluchtweg?



Diese Frage beschäftigt mich nun schon seit einigen Tagen, denn hier fühle ich mich dem Kern dieser Fragestellung sehr nahe. Im Grunde geht es dabei nicht um das ob menschlichen Daseins, sondern vielmehr darum, wie ich mit der Verschiedenheit menschlichen Daseins umgehe.

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der alle Menschen Platz haben – Menschen mit …

  • … Migrationshintergrund,

  • … Behinderungen und/oder Erkrankungen,

  • … verschiedenen Religionen oder auch ohne,

  • … unterschiedlichen Fähigkeiten usw.

Doch wie sieht das aus, wenn diese Menschen plötzlich meinen Alltag kreuzen? Kann ich meine Überzeugungen dann auch wirklich leben? Stehe ich dazu – im Moment der Entscheidung?

Viele, die mich kennen, wissen, dass ich vieles aus Überzeugung lebe und dass für mich Menschsein per Definition facettenreich ist.

Aber es ist ein bisschen wie bei Star Trek: Es ist äußerst schwierig, die „Erste Direktive“ nicht zu verletzen. Dieses Prinzip – von Gene Roddenberry formuliert – beschreibt im Kern die Nicht-Einmischung in fremde Kulturen und basiert auf einem hohen Maß an Toleranz und Respekt. Und wie in der Serie zeigt sich: Die Umsetzung ist oft kompliziert und situationsabhängig.

Hier nun werde ich auf eine neue Weise herausgefordert.
Die Geschichte beginnt in meinem Zimmer. Während ich gerade meinen Koffer auspacke, erzählt mir meine Zimmernachbarin – sichtlich erschöpft –, dass sie zwei Tage lang mit einer älteren Dame zusammenlag. Was genau „älter“ bedeutet, bleibt unklar, denn ich würde auch meine Nachbarin mit etwas über 70 Jahren als „ältere Dame“ bezeichnen.
Wie auch immer – diese andere Frau war offenbar dement. Sie schlief tagsüber, bat ständig um Hilfe:
„Können Sie mal …?“, „Wie spät ist es?“, „Ich will aber die Uhrzeit von meiner Uhr!“
Ab 19:30 Uhr musste das Licht aus sein – so ihre Regel. Und nachts sei sie im Zimmer herumgegeistert und habe alles umgeräumt.

Meine Zimmernachbarin war sichtlich erschöpft – sie hatte schließlich dafür gesorgt, dass diese demente Frau in ein anderes Zimmer verlegt wurde.

Und nun stehe ich da – mit meiner Ersten Direktive.
Ich bin geneigt, zur Selbstrechtfertigung allerlei „gute Taten“ zu erzählen. Doch ich versuche, mich in Zurückhaltung zu üben.
Denn in der Realität sah es so aus:

Ich sitze auf dem Flur – Laptop und Handy vor mir, da dort der WLAN-Empfang am besten ist.
Ich sehe diese ältere Dame in einiger Entfernung auf mich zukommen, und höre:
„Schwester? Schwester? Ist das das Telefon?“
Ich: „Nein – und ich bin keine Schwester.“
Sie: „Aber da ist doch ein Telefon!“
Ich: „Ja, das gehört mir.“

Ich klappe den Laptop zu, stecke ihn unter den Arm und trete den Rückzug an.
Nicht aus Reflex, sondern ganz bewusst.
Mit klarem, egoistischem Entschluss:
Ich will das jetzt nicht.
Ich will nicht in diese „demente Mühle“ geraten, aus der ich weiß, wie schwer man wieder herauskommt.
Ich gehe zwei Meter in mein Zimmer, schließe die Tür – und höre noch:
„Ich brauche doch Hilfe wegen des Lichts!“
Dann nur noch das Geräusch ihrer stumpfen, leiser werdenden Schritte.

Ich lehne mit dem Rücken an die geschlossenen Tür. Und denke:
Ich habe dieser alten, verwirrten Frau jede Hilfe verweigert.

Ich war nicht bereit, ihr mit dem Telefon oder dem Licht zu helfen – nicht einmal symbolisch. Nur, weil ich vermute, dass sie vermutlich „nur“ einsam ist, orientierungslos.
Aber habe ich ein Recht auf diese Interpretation – zu meinen Gunsten?

Ich würde sagen: Ich habe versagt.
Schon beim ersten kleinen Widerstand.
Und alle meine Erklärungen wirken wie eine Flucht:

  • Ich bin selbst krank.

  • Ich brauche Hilfe.

  • Ich bin erschöpft.

  • Ich … ich … ich.

Ich schmücke mich mit dem Wunsch, dass alle Menschen einen Platz in dieser Gesellschaft haben sollen – handle aber dann genau so wie oben beschrieben.
Und ja, mein reflektiertes Handeln beruht auf bestimmten Erfahrungen. Aber mache ich es mir damit zu einfach?

Oder darf ich hoffen, dass andere für diese Frau sorgen? Dass ich mich für einen Moment zurückziehen darf, weil es ein Netz gibt, das sie auffängt?
Ist es in Ordnung, wenn „ihr“ helft – und „ich“ den Kopf einziehe?

Was denkt ihr?

Geht heute mit offenen Augen durch den Tag.
Tragt diese Geschichte mit euch.
Und überlegt gut.

Ich ziehe mich nun zurück – mit ersten Befunden, deren Auswertung ich noch abwarte.
Vielleicht verstecke ich mich auch einfach unter der Bettdecke. Oder ich schaue noch eine Folge Star Trek.
Denn Gene Roddenberry hat verdammt viele gute Antworten auf solche Fragen.



Zitronen-WC-Stein-Wasser – Mein Endzeitszenario


Ich habe mich heute den ganzen Tag gefragt,
ob ich über diesen Tag schreiben kann – oder ob ich das überhaupt will.
Vermutlich überschreite ich damit die Grenzen des guten Geschmacks, wenn ich nun von den Details berichte, die eigentlich keiner wissen will. Dinge, die sich im Verborgenen abspielen.

Heute war Endoskopie-Tag:
Gastroskopie und Koloskopie.
Die Verfahren sind mir vertraut, es war nichts Neues für mich.
Und dieses kleine Endzeitszenario begann im Grunde bereits gestern …



Mittagessen um 12 Uhr, dann ab 17 Uhr Start der Reinigungszeremonie. Mal so richtig schon entschlacken und sich von innen heraus erneuern. Ganz entspannt startet das wie gesagt um 17 Uhr mit 2 Liter Zitronen-WC-Stein-Wasser. Möglichst zügig ist das Zeug einfach in sich hinein zu kippen. 18:30 Uhr Kanne leer, ich unheimlich stolz! Diese Körperbeherrschung, diese Disziplin! Wenn ich eins kann, dann solche Qualen ohne ein Zucken über mich ergehen lassen.

Dann kann der Rest von alleine Starten. Krämpfe setzen ein, ich laufe auf und ab und ab und auf. Keine Regung, nichts aber auch gar nicht will aus meinem Körper hinaus. Um 23 Uhr gab es dann eine Zäpfchen-Starthilfe, aber der erwartete dramatische Erfolg blieb aus und ich habe gut geschlafen in dieser Nacht.

Um 6 Uhr wurde ich von einem weiterem Liter Zitronen-WC-Stein-Wasser geweckt. Ich, stark und tapfer lege gleich los. Rein, immer rein damit. Und da geschah plötzlich schon etwas, dass mich irritierte: Mein Körper schüttelte sich! Ich konnte meinen Ekel nicht unterdrücken. Die ersten 500 ml waren durch und ich war plötzlich gestresst. Meine Disziplin ist weg, meine Körperbeherrschung nicht aufzufinden! Mein Hirn ist da! Aber es kann nichts ausrichten. Immer schnell rein, schütteln, rein, wieder schütteln. 
Die netten Krankenschwesterschülerinnen schauen immer mal nach mir. Es fehlt nun nur noch knapp 175 ml und da passiert es: ca. 300 ml der Lösung landen in einem riesigen Strahl gerade noch im Waschbecken. 2 cm über die Schulter der Schwesternschülerin hinweg, die geschickt und schnell in Deckung ging.  Oh je! Und damit waren die Schotten geöffnet und ich habe jede Korntrolle über meinen Körper verloren. Kein Wasser, kein Tee, nichts blieb mehr in mir. Die hart erkämpften ml der Lösung waren im Ausguss und alles andere folgte. Mir war zum Heulen zu Mute und ich habe geheult. Denn wenn mir eins sofort klar war: Diesen Reflexen werde ich nicht mehr Herr. Dann flogen zwischen 7 Uhr und 9 Uhr hier so richtig die Fetzen bzw. Flüssigkeiten. Wahlweise hing mein Hintern oder mein Kopf in der WC Schüssel und der einige Trost war, dass sich Magen und Darm zum Glück mit der Entleerung abwechseln und nicht in ein harmonisches Zusammenspiel verfielen. Die kleinen Schwestern ermutigten mich noch viel viel Wasser zu trinken, aber jeder Schluck flog innerhalb von geschätzten 30 Sekunden wieder heraus. Ich sah meine Endoskopie davon schwimmen. Ich war kraftlos und heulte.

Nach einer Stunde Pause, die ich mir selbst verordnete, ein Schläfchen und ein wenig Hörbuch versuchte ich mein Glück mit Wasser erneut. Es klappte! Mein Margen erkannte das Mineralwasser wieder. Und ich steigerte vorsichtig meine Leistung, drehte langsam wieder auf. Nach jedem Toilettengang klingelte ich nach meinen Schwersternschülerinnen, die dann mit Handschuhen in der Toilette wühlten, um zu entscheiden, ob ich nun startbereit für den Eingriff wäre. Ich trank und trank und saß auf dem Klo und saß. Sie wollten mir von dem Zitronen-WC-Stein-Wasser nichts mehr geben, obwohl ich in gespielter Gelassenheit immer wieder betonte, ich sei bereit für 500ml.

Um kurz nach 12 Uhr war es dann soweit. Das Urteil war gefallen. Ich war nicht „sauber“ genug! Was für eine Ausdrucksweise. Ein Arzt kam und bestätigte mir, dass es nicht sinnvoll sei, mir noch ein Zitronen-WC-Stein-Wasser-Getränk zu brauen, da der Körper sich mit Sicherheit wieder zu Wehr setzen würde. Somit war meine letzte Option der „Schwenkeinlauf“.

Ach, das war nun die Krönung der Demütigung, soweit hatte ich noch gar nicht gedacht. Und vor allem was bedeutet „Schwenk“? Naja das Equipment fand ich schon sehr beindruckend und zum Prozedere wollte ich keine Information. 

Mittagessen um 12 Uhr, dann ab 17 Uhr Start der Reinigungszeremonie.
Einmal so richtig entschlacken, den Körper von innen heraus erneuern. Ganz entspannt beginnt das – wie gesagt – um 17 Uhr mit zwei Litern Zitronen-WC-Stein-Wasser. Möglichst zügig heißt es: runter damit.

18:30 Uhr: Kanne leer, ich unheimlich stolz! Diese Körperbeherrschung, diese Disziplin! Wenn ich eins kann, dann solche Qualen ohne mit der Wimper zu zucken ertragen.

Dann soll der Rest ganz von allein starten.
Krämpfe setzen ein, ich laufe auf und ab, ab und auf. Doch nichts – keine Regung. Mein Körper bleibt stumm. Um 23 Uhr dann die Zäpfchen-Starthilfe. Aber auch die bringt keinen nennenswerten Durchbruch. Dafür schlafe ich erstaunlich gut in dieser Nacht.

6 Uhr morgens.
Ich werde geweckt – mit einem weiteren Liter der berüchtigten Lösung. Ich, tapfer wie immer, beginne sofort. Rein damit. Und dann passiert es: Mein Körper schüttelt sich. Ich kann den Ekel nicht mehr unterdrücken. Die ersten 500 ml gehen noch, doch dann werde ich unruhig. Die Disziplin ist weg, die Körperbeherrschung unauffindbar. Mein Hirn will, aber der Körper blockiert.

Zitronenwasser rein, Schütteln, rein, Schütteln.
Die freundlichen Pflegeschülerinnen schauen immer wieder nach mir. Es fehlen noch 175 ml – und dann passiert’s: Etwa 300 ml schießen in einem beeindruckenden Strahl ins Waschbecken, zwei Zentimeter über die Schulter der erschrockenen Schülerin hinweg, die blitzschnell in Deckung geht. Oh je!

Und damit war der Damm gebrochen.
Ich verlor jede Kontrolle über meinen Körper. Kein Wasser, kein Tee, nichts blieb drin. Die mühsam aufgenommenen Milliliter landeten im Ausguss – und alles andere folgte. Mir war zum Heulen – und ich habe geheult. Denn eines war mir sofort klar: Diesen Reflexen bin ich nicht mehr gewachsen.

Zwischen 7 und 9 Uhr ging’s dann richtig los.
Mal Kopf, mal Hinterteil in der WC-Schüssel. Der einzige Trost: Magen und Darm wechselten sich brav ab – keine Synchronaktion. Die Pflegeschülerinnen ermutigten mich tapfer weiterzutrinken, aber jeder Schluck kam postwendend wieder raus. Ich sah meine Endoskopie davonfließen – wortwörtlich. Kraftlos, heulend, verzweifelt.

Nach einer Pause – ein Nickerchen, ein Hörbuch – der nächste Versuch.
Und siehe da: Mein Magen erkannte das Mineralwasser wieder. Langsam steigerte ich mich, tastete mich zurück ins Leben. Nach jedem Toilettengang klingelte ich, und die tapferen Pflegeschülerinnen prüften das Ergebnis (handschuhbedeckt, versteht sich), um zu beurteilen, ob ich "bereit" war. Ich trank, ich harrte. Ich bettelte sogar um mehr Zitronenlösung, spielte den Gelassenen: „Ich wäre bereit für weitere 500 ml!“ Doch sie verneinten, mein Körper hatte eindeutig die Reißleine gezogen.

Dann, kurz nach 12 Uhr, das Urteil:
Nicht „sauber“ genug!
Was für ein Begriff. Der Arzt kam und bestätigte: Noch eine Runde Lösung wäre kontraproduktiv – mein Körper würde sich wehren. Bleibt nur noch eine letzte Option: der Schwenkeinlauf.

Und das war dann die Krönung der Demütigung.
Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet.
„Schwenk“? Das Equipment beeindruckend, das Prozedere lieber nicht zu genau erklärt. Ich wollte es einfach nur hinter mich bringen …





Einige Anfragen zum angekündigten Bericht über die Dame, der ich meine Hilfe verweigerte, haben mich erreicht. Er folgt – ganz bestimmt – demnächst.

27+36+37 Bin ich tatsachlich eine Nummer?

Also heute Morgen bin ich zum ersten Mal aus dem subfebrilen Zustand ausgetreten.
Das heißt, mein Körper weist nun wieder eine gesunde Betriebstemperatur auf.
Von einem subfebrilen Zustand spricht man bei einer Temperatur zwischen 37,5 °C und 38 °C.

Meine erste Standarduntersuchung, die eigentlich schon für Freitag geplant war, konnte gestern ebenfalls nicht nachgeholt werden. Morgen geht es nun aber los – mit einer Magen- und Darmspiegelung, direkt hintereinander. Heute habe ich deshalb vorsorglich meinen Blutverdünner abgesetzt.
Ich habe mich riesig gefreut, als mich die Schwester heute Morgen daran erinnerte, mein Xarelto abzusetzen – oder besser gesagt: es mir gar nicht erst auszuhändigen. Das zeigt, dass hier wirklich mitgedacht wird, und das gibt mir ein gutes Gefühl. Ich fühle mich gut aufgehoben.

Mein Körper macht, ob subfebril oder bei Standardbetriebstemperatur, in kleinen Schritten das, was er eben kann.
Ich fühle mich – wie ich schon so oft gesagt habe – „halb gar“. Beim Liegen tut irgendwie alles latent weh. Und genau das ist das Nervigste: dieses „latente“.
Was mache ich in so einem Zustand?

In der Regel klingelt der Wecker um 5:30 Uhr. Ich versuche meiner Berufung nachzugehen. Das macht mir Spaß, ich mache das gerne → Wert 37.
Das ist anstrengend, es kostet mich viel Kraft → Wert 36.
Ich schaffe es nicht, nichts geht mehr → Wert 27.

Ist das so? Genauso?
Ich weiß es nicht. Es ist ein Versuch, meinem Zustand einen messbaren Wert zuzuordnen – um greifbar zu werden, um vergleichbar zu sein.

Aber ist es denn wichtig, messbar und vergleichbar zu sein?
Na klar!

Die Medizin ist eine Wissenschaft der Wahrscheinlichkeiten – orientiert an Normwerten und Durchschnittsdaten.
Und genau deshalb bin nicht ich das Problem.
Ihr alle da draußen seid es.

Ihr seid es doch, die zwischen 40 und 80 Stunden arbeiten, euch mit dem Kopf unterm Arm zur Arbeit schleppt, weil ihr „so wichtig“ seid.
Weil ihr nicht empfindlich, sondern stark seid.
Weil ihr „gebraucht“ werdet, „besondere Fähigkeiten“ habt.
Weil euch die Arbeit Spaß macht – ihr seid eben ein wertvoller Teil der Leistungsgesellschaft.

Und was sagt ihr damit – unausgesprochen – über mich?

Dass ich unwichtig und ersetzbar bin.
Empfindlich. Schwach.
Dass ich sowieso nicht gebraucht werde.
Vermutlich unfähig.
Dass mir Arbeit keinen Spaß macht.
Dass ich der Ballast eurer Gesellschaft bin.

Echt jetzt – ihr vor Kraft und Motivation strotzenden Arbeitstiere:
Mir wurde schon auf offener Straße von „Bekannten“ gesagt:
„Oh je. Du bist ja eigentlich Ballast, der mitgetragen wird.“

Aber wisst ihr was?
Ich glaube, den meisten Menschen ist gar nicht bewusst, wie wichtig ich für unsere Gesellschaft bin.
Ich bin eine von denen, die den wahren Wert unserer Gemeinschaft sichtbar machen.
Ich bin der Gradmesser für Würde, Mitgefühl und Menschlichkeit.

Dass unser Gesundheitssystem mich trägt – und damit alle, die (noch) täglich arbeiten können –, dafür bin ich sehr dankbar.
Ich habe zum Glück Kolleginnen und Kollegen, die genau diese Werte täglich leben.
Die sich über jeden Tag mit mir freuen, die auch ohne mich zurechtkommen – ohne Vorwürfe –, und mich somit mittragen.

Aber: Ich habe Glück.

Viel zu viele chronisch kranke Menschen leben und arbeiten unter ganz anderen Bedingungen.

Und was ist eine Gesellschaft wert, wenn sie ihren sogenannten „Ballast“ ausgrenzt?

Ich glaube, ich muss das gar nicht weiter ausführen – aber ich tue es trotzdem:

Für mich IST Platz in dieser Gesellschaft.
Und für jeden Menschen, der Hilfe braucht, auch.
Egal wie alt, egal wie jung, egal woher.

Es mag manchmal schwierig sein – keiner weiß genau, wie es gehen soll –
aber im Grunde sind wir eine starke Gesellschaft.
Und ich glaube daran: Wir schaffen das.

Und wer das nicht so sieht –
der kann die AfD wählen
und dahin verschwinden, wo der Pfeffer wächst.

Euch allen einen schönen Sonntag!

 
 
 Nachtrag: und übrigens weiß ich, dass ich im Beruf durchaus ersetzbar bin und das ist auch gut so!
 
 

Wer hat Angst vorm Behcetmann?

Keiner!

Und wenn er kommt?

Dann kämpfen wir!

Heute war ein besonderer Tag. Ich bekam Besuch aus Lübeck von Jessica (+ Tochter, + Freundin, + Tochter). Eine lebhafte Mädelsrunde tummelte sich im Besucherraum auf Etage 16B, und es war ein interessantes Potpourri aus verschiedenen Erkrankungen. Ich bin nicht mal in der Lage, alles aufzuzählen.

Prima ist, dass ich Jessicas Gesicht nun nicht nur von Fotos kenne. Es ist ein sehr angenehmes Gefühl, wenn man so einen Menschen, mit dem man schon einige Monate (?) im Austausch steht, auch mal persönlich trifft. Alles wird fassbarer und bleibt nicht so abstrakt.

Bei Jessica ist seit 2016 schon echt viel passiert, und wir haben noch einmal fast alles ausgetauscht. Auch da traf mich die Sprachlosigkeit und das Kopfschütteln. Alles ist irgendwie unfassbar. Aber es ist so: Ich habe sie gesehen und mit ihr gesprochen. Sie ist mutig und entschlossen, sie weiß alles über ihre Krankheiten, und am Ende war es auch nur Glück, dass sie jetzt hier so sitzen konnte.

Wer hat Angst vorm Behcetmann?

Ganz ehrlich: Alle!

Wir haben alle Angst!
Wir halten alle durch!
Wir halten auch einiges aus!

In Jessicas Augen war alles zu sehen: Angst, Sorge, Freude und Zuversicht!

Und ich hoffe, in meinen Augen war zu sehen, dass es einfach schön ist, dass wir dieser seltenen Erkrankung ihre Macht über uns nehmen, indem wir uns zeigen, dass es uns gibt, wir keine Aliens sind, die plötzlich in Arztpraxen auftauchen, mit denen keiner so recht etwas anzufangen weiß.

Wir sind keine besonders sensiblen Menschen, die einfach nicht belastbar sind und sich Sachen einreden. Wir sind nicht krank, weil wir diese miesen Medikamente nehmen. Wir sind krank und deshalb nehmen wir sie. Im Übrigen wäre es sehr wahrscheinlich alles schlimmer, wenn wir diese Giftkeulen nicht schlucken würden.

Aber, lieber Behcetmann, wir sind nicht alleine!

Wir schaffen das!

Ein großes Dankeschön an alle für den privaten Support meiner Behcet-Gruppe!

 

Zwischen WLAN und Toastbrot



Also, der heutige Tag war bestimmt vom Thema:
Wie bekomme ich einen funktionierenden Internetzugang?
Wie bekomme ich genug Essen, um satt zu werden?

Gestern habe ich mir schon vorgenommen, mich mit der Haustechnik zu treffen, um die WLAN-Signalstärke hier zu verbessern. Schließlich wirbt die Station im Internet damit, dass man hier jederzeit bequem WLAN zur Verfügung hat. Das stimmt auch – aber ein Balken Empfang hält man nur, wenn man sich nicht bewegt. Also wurde das zur Passion des Tages.

Ich bin durchs Haus gelaufen, habe mit diesem und jenem darüber gesprochen, konnte einige Damen nicht davon überzeugen, dass die Signalstärke nicht einfach schlechter wird, nur weil gleichzeitig viele Menschen im Internet surfen. Naja, ich kann die Welt eben nicht retten!

Vormittags habe ich schon herausgefunden, dass ich im Flur besseren Empfang habe. Aber bequem ist das nicht. So kann ich keine Serien streamen, aber ich kann im Zimmer meinen Blog tippen und dann draußen online stellen. So konnte ich heute den Text von gestern veröffentlichen.

Also, diese Laktoseintoleranz ist doch eine echte Herausforderung.
Bisher habe ich nur kleine Teile meines Essens zu mir nehmen können. Zum Frühstück konnte ich ein Brötchen mit einer Scheibe Käse essen. Das war okay.

Ich bat direkt danach darum, mir für mittags einfach nur Gemüse und ggf. Kartoffeln auf den Teller zu machen. Das war aber nicht möglich. Und obwohl ich mehrfach gefragt habe, und das schon seit Mittwoch, wurde mir immer wieder gesagt, ich solle erst mal warten, vielleicht sei ja etwas Passendes dabei.

Heute hatte ich dann 5 kleine Kartoffeln und 3 Esslöffel Gemüse. Der Rest war Fleisch in irgendeiner sahnigen Soße.

Als ich heute Abend mein Essen bekam, war außer einer Scheibe Käse und zwei Scheiben Brot nichts dabei, was für meinen Verzehr geeignet erschien. Ich musste spontan lachen, als ich den Deckel des Menüs lüftete.

Eine sehr junge Krankenschwester fragte, ob etwas nicht okay sei, und ich erzählte ihr von dem Essen. Sie war dann richtig sauer auf die Leute in der Küche. Ich versicherte ihr, dass es kein Problem sei und ich mich wirklich nur amüsiere, wie schwer es in Krankenhäusern ist, das richtige Essen zu bekommen.

Sie fragte, was ich denn gerne essen würde, und ging lächelnd mit den Worten: „Ich kenne das mit der Laktose, mir geht es auch oft so. Da kümmere ich mich jetzt.“

Nach 20 Minuten stand sie strahlend im Zimmer und bat mich, in ihrem Beisein die Cloche von meinem Essen zu nehmen. Da lag es vor mir: Käsescheiben, vegetarischer Aufstrich, Konfitüre, Tomaten, Salat, Apfel und Banane auf meinem Teller sowie zwei Scheiben Toast.

Sie strahlte vor Freude und ich auch. Sie sagte: „Warten Sie noch, jetzt hole ich noch das Vollkornbrot!“ Ich habe mich riesig gefreut und ihr versichert, dass ich nun mit Genuss diese Toastscheiben essen würde.

Ich war fast gerührt von diesem Einsatz und ich glaube, so gut hat mir ein Käsetoast und Salat ohne Dressing noch nie geschmeckt.

So, und da das bestimmt nicht die Dinge sind, die euch interessieren, hier kurz zu meinem Allgemeinzustand:
Es geht mir ganz gut, mein Zustand ist echt gut. Ich war noch nie so fit im Krankenhaus. Die erhöhte Temperatur schleppe ich noch mit mir herum, aber meine Schmerzen sind soweit okay.

Es wurde noch eine Blutabnahme gemacht und die geplante Untersuchung für heute konnte wegen eines Notfalls nicht stattfinden. Am Montag geht’s erst weiter.

Meine Ärztin ist ab Montag im Urlaub, hat aber jetzt alles angeordnet. Wenn die „Sachen“ alle durch sind, darf ich nach Hause.

Jetzt werde ich das Wochenende noch hier bleiben und mir die Zeit vertreiben bis Montag. Es ist angeordnet, dass die am Wochenende auftretenden Symptome in Bild und Schrift dokumentiert werden. Mal sehen!

Nachtrag:
Ich bin sehr stolz auf mich. Ich habe gerade einer älteren Dame meine Hilfe verweigert. Und warum das so wichtig ist und weshalb ich mich dafür lobe, die Antwort werdet ihr morgen lesen.

Schaltet wieder ein, wenn es heißt:

Seidenstraße – mein Reisebericht!
Gute Nacht, wo immer ihr auch seid!






Wilkommen im Norden, zwischen der 12. und 16. Etage

Heute hat mich meine Reise durch die Republik in ein fremdes Land geführt.
Ich bin mit dem Zug in den hohen Norden gefahren, um in der Asklepios Klinik Hamburg Altona ein Bett zu beziehen.
Ich habe viel zu erzählen.

Die Vereinbarung war, dass ich bis spätestens 10:30 Uhr auf der Station 12b ankommen soll. Ich gebe zu, ich habe bewusst etwas knapp kalkuliert, denn der Zug, der um 6:16 Uhr den Hbf Köln verlassen sollte, fuhr für mich – ohne Umsteigen – direkt bis Hamburg Altona. Der Bahnhof ist nur etwa 10,50 € Taxifahrt vom Krankenhaus entfernt.

Dort traf ich schon auf Achmet. Achmet ist bestimmt zwischen 38 und 42 Jahre alt, mit gepflegtem langen Bart, wie ihn viele Herren heute so tragen. Ich musste schmunzeln und fragte mich, wie oft er wohl gefragt wird, ob er ein Terrorist sei. Sein wortloses Statement dazu: ein grüner, feiner gestrickter Pullover mit beigefarbener Hose – damit sah er aus, als hätte er sich eine alte Polizeiuniform angezogen. So fand ich ihn schon sehr sympathisch.

Er hob mein schweres Gepäck in den Kofferraum, hielt inne, wog den Koffer vorsichtig auf und ab und schien am Gewicht erfühlen zu wollen, wohin meine Reise ging. „Husum“ war sein Tipp! Dabei musste ich herzlich lachen. Er erzählte auch gleich, dass die Frau vor mir so schrecklich laut Kaugummi kaute, dass er fast durchgedreht wäre. Er konterte wohl wortlos, indem er selbst ein Kauprodukt einwarf und sogar Blasen blies.

Ich erfuhr einiges von seinem Vater, seiner Frau und seinen Kindern und hoffe sehr, dass er die Kinoplätze für heute noch reservieren konnte.

Hier angekommen – ich traf genau um 10:30 Uhr in der Patientenaufnahme im 1. OG ein – war mein Zimmer noch nicht bezugsfertig. Gut, dass das verlässlich in jedem Krankenhaus nicht gut funktioniert und ich so spät gekommen bin.

Warum scheint das immer so, als kämen die Ab- und Anreisen völlig plötzlich und unerwartet? Als hätte es das noch nie im Krankenhaus gegeben?

Dann bin ich im „Erhöhte-Temperatur-Reise-Schweiß-Outfit“ eben gleich zum EKG. Als ich zurückkam, war mein Zimmer frei:

Fenster nicht zu öffnen, 2-Bett-Zimmer, Dusche/WC auf dem Flur, Tür ohne Schloss, ähnelnd eher Saloontüren, die sich nur in eine Richtung öffnen ließen und nicht zu schließen waren. Aber im Grunde egal. Entscheidend war nur, dass die Zimmertemperatur bei ca. 26 °C lag und man daran nichts ändern konnte.

Meine freundliche Zimmergenossin versuchte bei der Frage nach WLAN direkt freundlich, mich darauf hinzuweisen, dass es auch mal ohne gehen müsse. Naja, die etwas älteren Damen sehen eben dann doch nur das Kind in mir. Wobei meine Mutter mir mit Sicherheit niemals den Internetzugang verweigert hätte. Ziemlich doofe Idee – also grundsätzlich und vor allem, wenn man im Krankenhaus liegt und sich sehr gerne mit dem Blog und der Homepage beschäftigen möchte.

Nach den ersten Standard-Blutabnahmen und meiner ersten resoluten Verweigerung, mir einen Zugang legen zu lassen, erwähnte ich, dass ich sehr erfreut wäre, wenn man meinem Versicherungsstatus entsprechend das nächste freie Bett für mich reservieren würde.

Und siehe da: Um ca. 15 Uhr lag ich schon auf der Dekantenz-Station, 2-Bett-Zimmer, Plastikböden in Holzoptik, Kühlschrank, eigenes Bad mit WC und Dusche, 3 Fernsehgeräte für 2 Personen, WLAN mit gerade einem Balken Signalstärke, Kaffeemaschine usw. So ähnlich wie bei Dr. Eduardus, nur nicht ganz so exquisit – und das Ganze auch bei geschlossenen Fenstern und 26 °C.

Meine Gefäße fühlen sich hier richtig wohl, ich habe Kopfschmerzen.

Meine Zimmernachbarin ist, wie sie selbst sagt, nur ein langweiliger Rheumatoide-Arthritis-Fall. Ich schätze sie mal auf 70–80 Jahre. Ihre Anekdoten über Krankenhausaufenthalte und Erfahrungen mit Ärzten, untermalt durch ihren Hamburger Dialekt, sind sehr unterhaltsam und lustig. Sie hat einen trockenen Sinn für Humor und freut sich, dass ich nicht schon darauf bestehe, um 19:30 Uhr das Licht auszumachen.

Ich kämpfe mit dem WLAN, aber ich glaube, ich schaffe es, täglich hier zu berichten!

Bleibt dran, ihr lieben Mitreisenden!



Zeit im Raum …. einer Unternehmensberatung

oder

Zeit im (Alpt)raum

Heute hatte ich einen Arztbesuch bei einer Unternehmensberatung. Dort landet man, wenn man vom Gericht hingeschickt wird, weil man wegen der Anerkennung einer Schwerbehinderung klagt. Ich sollte also unabhängig begutachtet werden. Das versprach heiter zu werden.

Insgesamt wurde „alles“ untersucht, was man so schnell abarbeiten kann: Bewegung, Koordination, Gewicht, Lungenfunktion, Ultraschall der Organe im Bauch.

Dann ging alles ganz schnell. Man wies mich darauf hin, ich solle mehr in meinem Leben machen – Yoga oder Rehasport zum Beispiel.

Ich erklärte, dass ich das eine Zeitlang versucht habe, aber es einfach nicht schaffe. Darauf bekam ich die Antwort: „Ach, immer diese Ausreden.“

Sachlich versuchte ich zu erklären, dass ich mich nicht herausrede, sondern tatsächlich viel zu erschöpft von meinem „normalen“ Alltag bin und die meiste Zeit zum Schlafen brauche. Einmal pro Woche Psychotherapie sei schon genug für mich.

Darauf wurde ich belehrt, dass ich, wenn ich so weitermache, mit 40 noch Hormonprobleme bekommen würde und dann wirklich schlecht dastehe. Ich müsse also mehr machen, sonst würde mein Leben ziemlich mies verlaufen.

Ich wies darauf hin, dass es ja jetzt schon ziemlich mies sei und wenn ich noch mehr Therapien mache, dann würde ich nur noch für diese Krankheit leben.

Dabei habe ich übrigens schon geheult und war nicht bereit, den Versuch zu starten, meine Tränen zu unterdrücken.

Ich erzählte, dass ich auch eine Weile regelmäßig Physiotherapie gemacht habe. Sofort unterbrach er mich und meinte, Physiotherapie sei Quatsch.

Ich redete weiter, erzählte, dass die Therapie wirklich gut war, und ich nur aufgehört habe, weil der Therapeut ständig von anderen Therapien und dem, was ich im Alltag alles noch berücksichtigen MUSS (!!!), gesprochen hat. Das fand ich sehr erdrückend.

Während ich so heulend da saß – halb nackt, wohlgemerkt, wegen der Untersuchung, was die Situation nicht angenehmer machte – setzte er sich an den Schreibtisch, diktierte in sein Gerät, stoppte dann, sah mich an und fragte: „Fühlen Sie sich jetzt eher glücklich oder depressiv?“

Ich dachte echt, das sei ein Scherz. Ich zeigte mit beiden Fingern auf mein tränengeflutetes Gesicht und sagte nur: „Depressiv.“

Dann folgte eine Erläuterung bezüglich meiner Erkrankungen.

An dieser Stelle kommt nun zum ersten Mal bewusst der Plural „Erkrankungen“ zum Tragen, da sich eine zweite Erkrankung zum Behcet gesellt hat. Davon erzähle ich euch an anderer Stelle genauer.

Er meinte, es sei schon blöd, wenn man so exotische Krankheiten habe. Da könne ja keiner etwas mit anfangen – weder Juristen noch andere. Früher sei das mit der Schwerbehinderung einfacher gewesen. Da hätte nur „Bein ab“ oder „Arm ab“ gezählt. Aber das jetzt sei schwer einzuordnen.

Am Schluss suchte er nach entschuldigenden Worten, er sei ja nur besorgt. Ich sagte nur, dass ich es hasse, zu Ärzten zu gehen, die mich und meinen Krankheitsverlauf nicht kennen, denn da müsse ich mir immer so einen großen Mist anhören.

Das war’s.

Also: Das war echt eine Scheißzeit in deinem Raum, du Arsch!