Ich gehe spazieren. Der Hund läuft neben mir. Die Sonne scheint. Schritt für Schritt. Mit jedem Schritt fühle ich mich besser, mit jedem Atemzug werde ich zufriedener. Es ist das Gefühl, Glück in meinen Körper aufzunehmen, es zu assimilieren. Ich habe das Gefühl, jeden Schritt zu brauchen, auf keinen verzichten zu können. Mit jedem Blick auf meinen Hund werde ich entspannter. Ich atme Luft, ich fühle Luft. Ich atme Glück, ich fühle Glück. Manchmal ist das so einfach.
Im Übrigen kann es dabei auch regnen, doch mit Sonnenschein klingt es einfach kitschiger.
„Carpe Diem“ – „Lebe den Tag, als wäre es dein letzter“ –
Diese Sprüche finde ich abgedroschen und echt blöd. Aber ich weiß erst jetzt, was damit gemeint ist und wie das geht. Ich finde folgende Formulierung treffender:
„Glück assimilieren“
Ich kann jetzt Glück assimilieren!
Ich erlebe Unglück, Frust, Schmerz und Angst. Doch was nützt es, wenn ich weinend meinen Hund anschaue? Die Gedanken sind in der Zukunft, die letzten gemeinsamen Schritte vor Augen. Ich würde die Zeit, die uns bleibt, also nur verheult mit dicken Augen neben meinem Hund stolpern. Vielleicht würde ich mir dabei sogar noch die Beine brechen.
Jetzt scheine ich, diese gemeinsame Zeit in mich aufzusaugen. Jede Sekunde kann ich wahrnehmen und in meinen Zellen speichern.
Es ist vielleicht vergleichbar mit Photosynthese:
Aus einem energiearmen Stoff (hier: ich) wird mithilfe von Licht (oder auch Regen) + Hund beim Spazierengehen ein energiereicher Stoff: Glück!
Ich kann Glück erleben. Sogar in Zeitlupe. Ich kann Glück produzieren, speichern. Wieviel? Das weiß ich nicht. Wie lange? Ich weiß es nicht.
Ich mache es so oft wie möglich und so lange ich kann.
Nur der Gedanke, dass es doch zu Ende sein kann, macht mich sehr traurig.
Ich versuche, Glück überproportional zur steigenden Trauer zu assimilieren.
Wünscht mir Glück!


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