Nach dem allgemeinen Prozedere – EKG, Blutabnahme, Befragungen und einer Reihe sehr dämlicher Untersuchungen – bekam ich …
Ach Quatsch. Fangen wir mit der dämlichen Untersuchung an.
Ein junger, lässiger, nicht besonders attraktiver Arzt. Beim Anblick von uns beiden vermutlich beschwingt und motiviert, mindestens so toll zu sein wie die bei Grey’s Anatomy – vielleicht sogar besser. Er notiert Daten, die er für wichtig hält, empfiehlt die nächsten Untersuchungen und unterstreicht seine Expertise mit dem Satz:
„Wir sind hier in der Medizin – Glauben heißt nicht wissen.“
Also gut, nennen wir ihn: Dr. Glauben.
Dr. Glauben schallt meine linke Kniekehle und meinen rechten Ellenbogen.
Der Ellenbogen? Äußerlich echt krank. Dick, fleckig, schmerzhaft.
Das Bein? Sieht normal aus, benutzen kann ich’s trotzdem nicht mehr.
Seine Einschätzung:
Alles in Ordnung.
Klar. Wär mir sonst beim Gehen und beim Anblick meines Armes ganz sicher entgangen. Dumm nur, dass ich nicht mal ohne Rollstuhl zur Toilette komme.
Aber wenn er sagt, alles sei okay, dann wird das wohl stimmen.
Anamnese:
Ich weise auf familiäre Vorerkrankungen hin – Multiple Sklerose, CREST-Syndrom (Sklerodermie), meine Mutter ist betroffen.
Er lächelt.
Unwahrscheinlich, sagt er.
Ist das jetzt Glauben oder Wissen?
Ich bin unsicher.
Meine Freundin hingegen wird langsam unruhig – auf 180° Betriebstemperatur.
Wir haben heute noch nichts gegessen, es ist fast Mittag – und ich fürchte ein bisschen, dass sie Dr. Glauben gleich zum Frühstück verspeist.
Ich rechne kurz durch:
Wie hoch ist das Strafmaß bei Kannibalismus?
Wahrscheinlich ähnlich wie bei Mord. Oder doch Totschlag?
Mist – ich kenne nur die Arrestzellen der Voyager. Geschützt von Kraftfeldern. Im Jahr 2400.
Aber dort gibt’s so was wie Gewalt gar nicht mehr. Die Menschheit strebt nach Wissen, Weiterbildung, Entwicklung.
Im Jahr 2400 zählt nur die oberste Direktive: Toleranz und Akzeptanz aller Lebensformen.
Materielle Dinge? Überflüssig.
Alle gleichsam arm – oder reich – an Ideen, Wissen, geistigem Klimbim.
Ich frage mich, wie lange sie dort hätte sitzen müssen.
Dann fällt mir ein: Es ist 2013. Januar. Der 3.
Also doch: Mord oder Totschlag?
Pi mal Daumen: 10 Jahre bis lebenslänglich.
Da taucht Dr. Glauben wieder auf – Kanüle in der Hand.
Stopp!
Links hatte ich bis vor Kurzem eine akute Venenentzündung – von einer Kanüle, die da drei Wochen vor sich hinschlummerte.
Rechter Arm? Sieht krank aus. Fühlt sich auch so an.
Also bitte nichts überstürzen. Und nichts in den Ellenbogen.
Dort entzünden sich bei mir grundsätzlich alle Kanülen.
Dr. Glauben schlägt vor: Innenseite des Unterarms.
Ich bin interessiert – und lasse ihn machen.
Er sticht. Verdreht sich. Und ich merke ziemlich schnell: keine gute Idee.
Aber ich will ja nicht empfindlich wirken, also sage ich nichts. Ich atme einfach.
Atme.
Atme.
Ich denke an Seven of Nine, die ich zu diesem Zeitpunkt zwar noch nicht kannte –
aber rückblickend finde ich es schön, sie zu zitieren:
„Das ist ineffektiv.“ [¹]
Dr. Glauben windet sich weiter, bis er schließlich selbst erkennt: Das geht so nicht.
Ach echt?
Hab ich bemerkt.
Blut spritzt. Sofort ein fetter Bluterguss.
Aber hey – ein paar Röhrchen voll bekommt er noch.
Dann: Versuch Nummer zwei.
Langsam, vorsichtig, genau so, wie ich es erklärt habe.
Jetzt sitzt sie – linkes Handgelenk.
Perfekt. Damit kenne ich mich aus.
Ich weiß jetzt schon, wie ich sogar ohne Duschpflaster duschen kann.
Und selbst Haare waschen wird gehen.
Vertraute Situationen beruhigen.
Sie geben Sicherheit – und zeigen: Es geht irgendwie weiter.
Meine Freundin hat es übrigens auch geschafft, Dr. Glauben nicht zu verspeisen.
Ich muss also nicht weiter über ein mögliches Strafmaß nachdenken.
Sicherlich hätten wir im Notfall auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren können.
Dann wird die Station informiert. Und kurz darauf steht sie da:
Schwester Bianca.
Mintfarbener Kittel, mintfarbenes Häubchen, dunkelblaue Einweghandschuhe, Mundschutz.
Ach du Scheiße.
Sie erkennt mich sofort:
„Ach herje, Frau D. – Sie sind ja schon wieder hier!“
Sie reicht mir mintfarbene Kleidungsstücke aus Papier, die ich anziehen soll.
Wenige Minuten später sehe ich aus wie sie.
MRSA – Quarantäne.
Natürlich. In den letzten Wochen: Antibiotika, Krankenhausaufenthalt.
So ein Mist.
Ich werde also – schick verpackt – im Rollstuhl in ein Luxuszimmer geschoben.
Immerhin: privatversichert. Erste Klasse.
Im Zimmer darf ich das Einwegkostüm ablegen.
Meine Freundin?
Muss sich draußen anziehen.
Sie ist nicht erfreut.
Das Mützchen steht ihr übrigens nicht gut.
Wir räumen noch den Schrank ein – dann schicke ich sie heim.
Denn die Uniform macht Angst.
So krank will ich nicht sein.
Die nächsten Stunden:
Warten. Nicht aus dem Zimmer gehen. Besuch absagen.
Keinen Menschen in Schutzkleidung neben meinem Bett.
Klingeln nur im Notfall.
Cooler Nebeneffekt: Wenn ich jetzt die Schwester rufe,
muss sie sich erst vor der Tür in Schale werfen.
Sofort fallen mir ganz viele unwichtige Dinge ein.
Und ich würde gerne alle fünf Minuten klingeln.
Die Finger jucken.
Aber ich bleibe brav.
Man weiß ja nie, wie lange man hier bleiben muss.
[¹] „Seven of Nine“ erscheint erst am Ende der dritten Staffel von Star Trek: Voyager. Zu diesem Zeitpunkt war ich allerdings erst in Staffel zwei angekommen. Rückblickend erscheint mir dieses Zitat dennoch sehr passend. Dichterische Freiheit erlaubt es mir, es hier einzufügen – auch wenn es historisch nicht ganz korrekt ist.
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