Das erste Mal

Einmal ist immer das erste Mal.
Ich habe seit gestern ein neues und sehr profanes erstes Mal. Ein erstes Mal, das sogar heute mein Herz richtig höher schlagen ließ.
Ein erstes Mal, das mir Tränen in die Augen treibt.
Ein erstes Mal: arbeitsunfähig.
Ich bin zum ersten Mal krank seit ich krank bin.

Ich bin erkältet: Halsschmerzen, Gliederschmerzen, Schnupfen, tränende Augen – das normale Programm.
Wessen Herz höher schlug? Das meiner Hausärztin heute, die immer schon besorgt ist, wenn sie mein Gesicht wieder in ihrem Wartezimmer erblickt.
Warum es mir Tränen in die Augen treibt? Weil ich seit Samstag schon wieder in einem kleinen Schub stecke, sowieso Schmerzen habe, aber trotzdem froh war, meine Arbeit zu schaffen. Und jetzt habe ich noch stärkere Schmerzen – und weil Schnupfen eben auch die Augen zum Tränen bringt.

Da stellt sich die Frage: Warum eigentlich?
Ich war in meinem früheren Leben öfter auch krank, so oft es eben vorkommt, wenn man täglich mit vielen Menschen Kontakt hat.
Ich war noch nie so selten krank wie in der Zeit, seit ich krank bin.
Und das, obwohl ich mit einer kleinen Immunsuppression lebe.

Jetzt bin ich fast schon gespannt, wie der Verlauf einer Erkältung so ist, wenn mein Immunsystem ja eigentlich „gedrosselt“ ist.

Das führt zum nächsten ersten Mal:

Die erste Zwischenbilanz – Stand 20.01.2017

  • 10 Tage krank im Bett

  • 2 Tage davon betreffen meine Arbeit

  • 8 Tage davon verteilen sich auf freie Tage und Wochenende

Das sind in diesem Monat genau 50 % aller Tage in 2017 – und es werden mehr.
Das ist keine Drohung, das ist ein Versprechen. Das verspricht mir mein Körper mit so deutlichen Signalen.

Ich habe viele Menschen, die versuchen, mir mein Leben zu erleichtern. Sie nehmen mir Arbeit ab, erleichtern mir meinen Alltag – und manchmal auch zu viel. Und wenn ich Hilfe ablehne, weil ich sie nicht brauche, fühlen sich einige abgelehnt.

Es kommt auch vor, dass ich – zwar sehr selten – Dinge formuliere, die ich nicht mehr leisten kann. Und dann, wenn ich das tue und sage: „Es tut mir leid, das geht nicht, ich schaffe das nicht!“
Und wenn ich mich sicher fühle und denke, ich werde aufgefangen, dann ernte ich trotzdem unter vertrauten Mitmenschen fragende Blicke, Ablehnung. Sie stottern, wirken konsterniert.

„Warum hast du das nicht früher gesagt?“
„Das und das wäre doch sicher möglich.“
„Versuche es doch erst einmal!“
„Ach warte doch mal, vielleicht bist du ja in xy Monaten fit genug!“

Liebe Leute,
wenn ich mich einmal hinstelle und Selbstoffenbarung leiste,
wenn ich hier stehe und sage: Ich kann das nicht!
Dann ist das für mich schon immer ziemlich schwer. Das kostet mich Überwindung – immer und egal, wer da vor mir steht.

Dann zwingt mich doch nicht, zu einem anderen Termin das Gleiche wieder tun zu müssen, wenn ich im Monat xy doch nicht fit genug bin.
Zwingt mich doch nicht, durch euer Pseudo-Verständnis mich immer und immer wieder offenbaren und erklären zu müssen.

Und wenn ihr denkt, ich käme zu spät mit meiner „Aussage“, meiner Bitte und meinem Anliegen, dann liegt das meist daran, dass ich schon lange vorher mit euch darüber gesprochen habe. Ihr mir nicht zugehört habt und mich gezwungen habt, noch einmal und noch einmal mein Anliegen vertreten zu müssen.

Ideen wie:
„Ist doch kein Problem. Dann sag halt kurz vorher ab. Da wird doch keiner böse. Wir wissen doch, wie es dir geht.“

Das ist so ein Schwachsinn. Ihr drängt mich nur immer und immer wieder dazu, mein Scheitern zu verkünden, mich zu offenbaren und immer wieder mich erklären zu müssen.

Heute ist mein erstes Mal.
Ich sage euch zum ersten Mal:

Einmal sagen ist genug!




2 Kommentare:

  1. Etwas so grausames hast du in schöne worte umgewandelt.. sprichst mir aus der Seele!
    Bereits 2 Jahre Arbeitsunfähig.. aber das "schlimmste" ûberstanden; mich trotzdem zu nutze fühlen und fühlen lassen.
    Kopf hoch.. schaffen wir!
    Wieso eine seltene Krankheit haben, wenn wir gleich zwei oder sogar drei seltene Krankheiten haben..

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