Abnutzung
Die Lebensdauer eines Gegenstandes sinkt. Er ist veraltet und wird nicht mehr gebraucht.
Aber ist dieser Zustand messbar? In welcher Einheit?
Einen eindeutigen Wertverlust kann ich jedenfalls an verschiedenen Dingen ganz klar erkennen.
Meine Jogginghosen
Sie werden zweckentfremdet. Ich jogge nicht damit – ich liege damit auf dem Sofa und im Bett.
Ich habe inzwischen so viel gelegen, dass ich meine Hosen wortwörtlich durchgelegen habe. Das viele Liegen zerstört meine Kleidung.
Meine Schuhe
Ich besitze nur wenige Paare, die man der Kategorie All-you-can-go zuordnen könnte (siehe „von Schuhen und Schubladen“).
Sie sind daher schneller durchgelaufen und kaputt – und das, obwohl ich eine lange Zeit überhaupt nicht gut zu Fuß war.
Wenn also schon diese Materialien, deren Verschleiß man objektiv beobachten und bewerten kann, so stark leiden – wie sieht es dann mit dem Menschen aus, der in dieser Kleidung steckt?
Ich passe mich an.
An die Kleidung. An mein Leben. An alles.
Ich passe mich an – und ich nutze mich ab.
Am Leben. An den Zuständen.
Habt ihr euch jemals mit euren Ärzten hingesetzt und gerechnet, wie viel Paracetamol über welchen Zeitraum eingenommen werden darf, ohne die Leber zu schädigen? Wisst ihr das?
Wie viel Ibuprofen darf man höchstens nehmen? Und wenn z. B. bei 3g Paracetamol (plus andere Medikamente) keine Wirkung erzielt wird – wie viel Cortison nehmt ihr dann eigenverantwortlich in einer Stoßtherapie?
Was? Keine Ahnung?
Brauchst du nicht zu wissen?
Nie drüber nachgedacht?
Ich sag euch was: Ich weiß das ganz genau. Und trotzdem bespreche ich es regelmäßig mit meiner Ärztin.
Und ihr, die ihr es nicht wisst – bitte bedenkt, dass genau solche Fragestellungen jeden einzelnen Tag in meinem Leben eine Rolle spielen. Dass sie wichtig sind. Lebenswichtig.
Ich passe mich an.
Ich gehe damit um.
Aber: Anpassung ist nicht gleichzusetzen mit Verdrängen, Vergessen oder „Ich tu mal so, als wär da nichts.“
Und wenn du dir nur eine einzige Minute lang vorstellst, dass das mein Alltag ist – ein realer Teil meines Lebens – dann hör mir jetzt gut zu:
Wenn du demnächst wieder vor mir sitzt und ich erzähle, dass es mir schlecht geht, dass ich mit 20 mg Cortison versuche, eine Besserung zu erzielen – dann will ich eines ganz bestimmt nicht hören:
„Ach… du gehst im Moment gar nicht arbeiten…?“
Ganz ehrlich: Halt einfach die Fresse, bevor du so einen Mist von dir gibst.
Das macht mich wütend.
Wenn es mir so schlecht geht, dass ich all diese Medikamente zusätzlich zur Basismedikation nehmen muss –
nein, dann kann ich nicht arbeiten.
Ich nehme Medikamente, mit denen ich nicht mal am Straßenverkehr teilnehmen darf.
Aber danke, dass du es gesagt hast.
Jetzt weiß ich, dass du dir in den letzten drei Jahren nicht eine einzige Sekunde lang Gedanken gemacht hast.
Ich nutze mich ab.
Mein Leben nutzt mich ab.
Meine Krankheit nutzt mich ab.
Und wenn du dir keine Gedanken über mich machen willst – völlig okay.
Aber dann sprich bitte nicht mit mir.
Lass mich in Ruhe.
Geh mir aus dem Weg.
Ach Mensch, Jennifer, ist dich echt zum K..... ! Ich nutze mich mit dir zusammen ab, macht es erträglicher. Bin im Gedanken bei Dir und hoffe, dass Du bald etwas Erlösung erfährst.
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