Ich mache Pause
Täglich, im Rahmen meiner geliebten professionellen Tätigkeit, beantworte ich Fragen, stelle Fragen, rede mit Menschen, helfe, berate und bin in einem bunten Tätigkeitsfeld unterwegs.
Allerdings bin ich ständig am Rande meiner körperlichen Möglichkeiten. Mein Körper macht das gerade so mit – manchmal besser, manchmal schlechter.
Ich merke, dass ich im Rahmen meiner Profession problemlos mit mir und meinen Problemen umgehen kann. Ich habe die Ruhe, ich habe die Kraft, ich habe die Ausdauer. Oft bemerke ich erst am Ende eines Tages, wie stark meine Schmerzen sind, wenn ich das Gebäude verlasse. Aber das ist auch alles gut so. Es macht mir Spaß und auch wenn es fordert, birgt es sehr viele resiliente Faktoren in sich.
Mich belastet zusätzlich anderes. Es bringt mich an meine Grenzen.
Ich kann den Austausch mit anderen Erkrankten kaum mehr aushalten. Es verletzt mich, es raubt mir Energie.
Zu Beginn meiner Erkrankung war es der Austausch, der mir half, der mir auch fehlte. Eine taffe Frau aus dieser Mitte hat eine Gruppe auf die Beine gestellt, wir haben uns selbst geholfen und unterstützt. Aus der kleinen Runde ist eine riesige Gruppe geworden. Die Themen sind immer die gleichen, und ich kann nicht mehr. Die Fragen wiederholen sich, denn immer neue Menschen finden – zum Glück – diese Gruppe, und ich beantworte immer wieder dieselben Fragen.
Das ist gar nicht böse gemeint, denn all diese Fragen hatte ich einst auch. Dafür ist die Gruppe da, wir helfen uns.
Aber ich kann nicht mehr.
Ich bemerke an mir, wie mich Fragen hier aggressiv machen. Das Beantworten macht mich übel gelaunt. Ich drehe mich im Kreis.
Vielleicht ist es auch nur ein Symptom meiner Abgeschlagenheit, meines täglichen „Am-Limit-Seins“.
Fragen wiederholen sich, alte Fragen gehen verloren, werden wieder gestellt. Alle paar Monate beginnt man wieder bei Null. Sachlich gesehen ist das total okay, neue Leute haben halt noch keine Antworten auf die Fragen.
Ich glaube, ich habe schon sehr oft geschrieben, dass der GdB aus dem Schwerbehindertenausweis nicht in Prozent angegeben wird. Warum mich das stört? Ich weiß es nicht. Es ist halt nicht korrekt zu schreiben, dass ich zu 50 % behindert wäre. Das stört mich. Und es stört mich, immer wieder und wieder dazu etwas schreiben zu müssen.
Ich kann auch das Schimpfen auf die Ärzte nicht mehr aushalten. Bei mir lief es auch mal nicht gut, ich habe allerdings großes Glück, dass ich sehr, sehr gut ärztlich versorgt und betreut werde. Irgendwie gehört das Schimpfen schon fast zum guten Ton. Aber ich habe nichts zu schimpfen. Meine Ärzte sind toll, mir geht es sehr viel besser als den meisten, und wenn ich mal erzähle, dass es mir nicht gut geht, dann liegt es nicht an den Ärzten, die so oft beschimpft werden. Es liegt am Behcet.
Aber wohin sollen all die schlecht behandelten, missverstandenen Patienten mit ihren Nöten? Ja, in die Gruppe. Da seid ihr richtig, und da sind viele, die helfen. Ja, es gibt bestimmt sehr viele, die nicht gut oder ausreichend behandelt werden. Ich sage ja nicht, dass das nicht stimmt. Aber ich kann das nicht mehr sein.
Ich mochte „früher“ auch mal die vielen Witze, das Schimpfen, das „Bullshit-Bingo“ usw. Ihr wisst, was ich meine. Mir hat es geholfen, euch hilft es auch. Bitte tauscht euch weiterhin in der Gruppe aus. Dafür ist sie da.
Ich kann aber nicht mehr.
Ich bin angespannt, und es treibt mir Tränen in die Augen, wenn ich zum hundertsten Mal von Diagnosekriterien lese. Es macht mich wütend, wenn ich das Gefühl habe, noch einmal dazu schreiben zu müssen und alte Informationen einfach verschwinden, als seien sie nie da gewesen.
Ich kann es nicht mehr aushalten, wenn Grundsätze des wissenschaftlichen Arbeitens so unklar sind, dass ich eine Frage nicht mehr beantworten will oder kann.
Und obendrauf ist der Mensch, wie er ist: Innerhalb der Gruppe werden Menschen angemeckert, beschimpft. Ich kann und will nichts schlichten. Es sind erwachsene Menschen. Ich bin hier nicht mehr der Diplomat, der helfen kann. Ich will diese unfreundlichen, respektlosen Menschen einfach rauswerfen. Ja, das ist meine Haltung: Mir ist es scheißegal, ob ihr auch krank seid. Wer unfreundlich ist und unter die Gürtellinie geht, der fliegt. Ohne Kommentar! Das ist nicht die beste Lösung, ich weiß das. Es ist aber ein Symptom für mein „Ich-kann-das-nicht-mehr“-Gefühl.
Und wer jetzt genau gelesen hat, erkennt, dass ich niemandem Vorwürfe mache. Ich versuche nur zu erläutern, wie es mir geht, wie es mich frisst. Es macht mich fertig. Es raubt mir die Energie, die ich gar nicht mehr habe.
Mir hatte die Gruppe viel geholfen, und ich wünsche jedem, diese Erfahrungen auch zu machen. Ich wünsche einen regen Austausch und dass jedem die Hilfe zukommt, die er braucht.
Ich passe da nicht rein. Ich kann meine Sorgen nicht 200 Fremden schildern, ich kann mir diese Sorgen nicht mehr im Detail durchlesen, sie mit mir herumtragen, überlegen, was ich wie antworte.
Ich habe hier meine Leute gefunden, mit denen ich privat in Kontakt stehe. Kontakte, die mir helfen, die mich bereichern. Noch will ich nicht ganz diese Gruppe verlassen, zumal sie mal ein Anker für mich war. Aber bitte seid nicht böse, wenn ich keine Kapazitäten habe zu helfen.
Ich mache „Gruppenpause“.
Eure
Je Nifer
