Also heute Morgen bin ich zum ersten Mal aus dem subfebrilen Zustand ausgetreten.
Das heißt, mein Körper weist nun wieder eine gesunde Betriebstemperatur auf.
Von einem subfebrilen Zustand spricht man bei einer Temperatur zwischen 37,5 °C und 38 °C.
Meine erste Standarduntersuchung, die eigentlich schon für Freitag geplant war, konnte gestern ebenfalls nicht nachgeholt werden. Morgen geht es nun aber los – mit einer Magen- und Darmspiegelung, direkt hintereinander. Heute habe ich deshalb vorsorglich meinen Blutverdünner abgesetzt.
Ich habe mich riesig gefreut, als mich die Schwester heute Morgen daran erinnerte, mein Xarelto abzusetzen – oder besser gesagt: es mir gar nicht erst auszuhändigen. Das zeigt, dass hier wirklich mitgedacht wird, und das gibt mir ein gutes Gefühl. Ich fühle mich gut aufgehoben.
Mein Körper macht, ob subfebril oder bei Standardbetriebstemperatur, in kleinen Schritten das, was er eben kann.
Ich fühle mich – wie ich schon so oft gesagt habe – „halb gar“. Beim Liegen tut irgendwie alles latent weh. Und genau das ist das Nervigste: dieses „latente“.
Was mache ich in so einem Zustand?
In der Regel klingelt der Wecker um 5:30 Uhr. Ich versuche meiner Berufung nachzugehen. Das macht mir Spaß, ich mache das gerne → Wert 37.
Das ist anstrengend, es kostet mich viel Kraft → Wert 36.
Ich schaffe es nicht, nichts geht mehr → Wert 27.
Ist das so? Genauso?
Ich weiß es nicht. Es ist ein Versuch, meinem Zustand einen messbaren Wert zuzuordnen – um greifbar zu werden, um vergleichbar zu sein.
Aber ist es denn wichtig, messbar und vergleichbar zu sein?
Na klar!
Die Medizin ist eine Wissenschaft der Wahrscheinlichkeiten – orientiert an Normwerten und Durchschnittsdaten.
Und genau deshalb bin nicht ich das Problem.
Ihr alle da draußen seid es.
Ihr seid es doch, die zwischen 40 und 80 Stunden arbeiten, euch mit dem Kopf unterm Arm zur Arbeit schleppt, weil ihr „so wichtig“ seid.
Weil ihr nicht empfindlich, sondern stark seid.
Weil ihr „gebraucht“ werdet, „besondere Fähigkeiten“ habt.
Weil euch die Arbeit Spaß macht – ihr seid eben ein wertvoller Teil der Leistungsgesellschaft.
Und was sagt ihr damit – unausgesprochen – über mich?
Dass ich unwichtig und ersetzbar bin.
Empfindlich. Schwach.
Dass ich sowieso nicht gebraucht werde.
Vermutlich unfähig.
Dass mir Arbeit keinen Spaß macht.
Dass ich der Ballast eurer Gesellschaft bin.
Echt jetzt – ihr vor Kraft und Motivation strotzenden Arbeitstiere:
Mir wurde schon auf offener Straße von „Bekannten“ gesagt:
„Oh je. Du bist ja eigentlich Ballast, der mitgetragen wird.“
Aber wisst ihr was?
Ich glaube, den meisten Menschen ist gar nicht bewusst, wie wichtig ich für unsere Gesellschaft bin.
Ich bin eine von denen, die den wahren Wert unserer Gemeinschaft sichtbar machen.
Ich bin der Gradmesser für Würde, Mitgefühl und Menschlichkeit.
Dass unser Gesundheitssystem mich trägt – und damit alle, die (noch) täglich arbeiten können –, dafür bin ich sehr dankbar.
Ich habe zum Glück Kolleginnen und Kollegen, die genau diese Werte täglich leben.
Die sich über jeden Tag mit mir freuen, die auch ohne mich zurechtkommen – ohne Vorwürfe –, und mich somit mittragen.
Aber: Ich habe Glück.
Viel zu viele chronisch kranke Menschen leben und arbeiten unter ganz anderen Bedingungen.
Und was ist eine Gesellschaft wert, wenn sie ihren sogenannten „Ballast“ ausgrenzt?
Ich glaube, ich muss das gar nicht weiter ausführen – aber ich tue es trotzdem:
Für mich IST Platz in dieser Gesellschaft.
Und für jeden Menschen, der Hilfe braucht, auch.
Egal wie alt, egal wie jung, egal woher.
Es mag manchmal schwierig sein – keiner weiß genau, wie es gehen soll –
aber im Grunde sind wir eine starke Gesellschaft.
Und ich glaube daran: Wir schaffen das.
Und wer das nicht so sieht –
der kann die AfD wählen
und dahin verschwinden, wo der Pfeffer wächst.
Euch allen einen schönen Sonntag!